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Wettergeschichten: Immer wenn es regnet…

Wettergeschichten: Immer wenn es regnet…
Eingereicht von Wortverliebt

Sie liebte den Regen. Das beruhigende, rhythmische Plätschern, die reißenden Bäche,die kleine Gegenstände gedankenlos mitrissen und die Straßen von Müll und Schmutz reinigten, die Luft, erfüllt vom frischen Geruch der Veränderung und Reinheit.

Ähnlich funktionierte es mit ihren Gedanken. Sie liebte es, durch die vom Regen leergefegten Straßen zu stolzieren und ihr Gedanken wie Regentropfen an Fensterscheiben ineinanderlaufen zu lassen, unaufhaltsam fließend. Ihre überflüssigen Gedankenströme abzutun und den Geist zu reinigen.Dem Regen erlauben, ihre innersten Ängste fortzuspülen, bis sie zusammen mit dem Geröll der Straßen in die Abgüsse hinab gezogen wurden und vielleicht nie wieder auftauchten. Sie konnte es bestimmen, wann es aufhörte, wann es endete, vielleicht nicht bewusst, aber deswegen war es gut. Es hatte seinen Sinn!

Er hasste den Regen. Die durchtränkten Klamotten, wenn er mal wieder seinen Schirm vergessen hatte und eilig zur Bushaltestelle lief, um nicht völlig durchnässt anzukommen. Dabei nicht jeder Pfütze auswich und so, neben den nassen Füßen, große, hässliche Schmutzflecken auf seinen Jeans verursachte. Man konnte nichts unternehmen!Böswillig raubte der Regen einem die Freizeit, bestimmte das Aufhalten im Inneren und somit das erhöhte Auseinandersetzen mit virtuellen Medien, anstatt lebendige Nachmittag an der Luft zu verbringen.Ein Grund mehr, warum er es hasste. Die letzten Tage war es besonders schlimm!Seit Freitag hatte es ununterbrochen geregnet. Die dunklen Wolken am Himmel schienen verschmolzen, sich einig geworden der Sonne auch nicht die leiseste Chance zu geben,das trübe, triste Grau des Alltages mit nur ein paar Lichtstrahlen aufhellen zu dürfen. Mittlerweile war keines seiner paar Schuhe noch trocken und die Laune sank im Gegensatz zum Wasserspiegel der Untergründe, von Tag zu Tag. Wirklich beeindruckend, wieviel Einfluss das Wetter auf das Gemüt hatte, dachte er sarkastisch und ärgerte sich, dass er nicht gegen die steigende Wut ankämpfen konnte,die sich in ihm breit machte, als er auch noch feststellte, dass der Bus gerade vor seiner Nase abfuhr. 20 Minuten zusätzliche Wartezeit an der Haltestelle! 20 Minuten zusätzlicher Gefangener des Regens, der den Weg versperrte, wie eine unsichtbare Wand!

Sie hatte 20 Minuten sich wieder zu fangen! 20 Minuten um ihren aufkommenden Gedankenschwall zu unterdrücken und die Tränen, die das Wochenende über unaufhaltsam auf ihren Wangen tanzten, zu trocknen! Dann würde der Bus kommen und sie müsste stark sein!Der Alltag hatte ihr ganze zwei Tage Auszeit gegönnt, eher er sie lieblos in die Realität gezehrt hatte, um ihr zu verdeutlichen,dass das Leben weiterging, die Erde sich weiterdrehte-egal wie sie sich fühlte. Mit einer entschiedenen Handbewegung wischte sie die letzten Tränen fort, die sich mit den Tropfen vermischten und kleine, salzige Spuren hinterließen, die sich wie Straßen auf ihrer Haut abzeichneten.

Sie hatte geweint! Das sah er ihr an. Die meisten hätten vermutet, die leichten Spuren ihrer Mascara, die sich unterhalb ihrer Augen abzeichneten, wären Spuren des Regens, der sie, ungeschützt durch einen Schirm, versuchte zu entstellen. Er wendete sich ab, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und richtete stattdessen seinen Blick zu Boden. Was hatte sie dazu gebracht? Auch wenn sie nicht mehr weinte, sah er die roten Äderchen in ihren Augen und den traurigen Blick mit dem sie gedankenverloren in den Regen hinausstarrte. Der Regen hatte nachgelassen, die zuvor kirschkerngroßen Tropfen prasselten jetzt weniger hart auf das Dach der Haltestelle und erlaubten es, die umgebenden Geräusche wieder verstärkt wahrzunehmen. Ein zweiter kurzer Blick bestätigte seine Gedanken: Sie war hübsch!Vielleicht nicht auf die Art und Weise, dass sich jeder nach ihr umdrehte. Eine geheimnisvolle Schönheit umgab sie und von der sie sich, wie er vermutete, nicht bewusst war. Das dunkle, vom Regen durchnässte Haar, hing in Strähnen hinunter und umgab ihr symmetrisch geformtes Gesicht wie ein Rahmen,der die Aufmerksamkeit auf ihre dunklen, funkelnden Augen richtete. Wie eine Nacht in Asien.

Sah er sie an? Oder hatte er nur zufällig in ihre Richtung gesehen, um mit einem Blick zu erhaschen ob sich der Bus vielleicht endlich näherte? Wahrscheinlich war es so! Warum sollte er sie ansehen? Mit ihrem durchnässten Haar und den vermutlichen Mascaraspuren, die in schwarzen Schlieren ihr Wangen hinunterliefen, zog sie nicht gerade die Aufmerksamkeit auf sich! Unbewusst fuhr sie mit ihren Fingern unter ihren Augen umher, um zu prüfen, wie wasserfest ihre Schminke wirklich war. Er sah nett aus! Die Hände in den Taschen vergraben sah er auf seine Schuhe hinunter, die vermutlich vom Regen durchnässt waren und ihm spätestens morgen einen Schnupfen bescherten! Sein ebenfalls nasses Haar hing ihm strähnig ins Gesicht, in seinem drei Tage Bart hingen vereinzelt Regentropfen, die, bald von der Schwerkraft angezogen, auf den Boden tropfen würden. Sie ertappte sich wie sie lächelte, als sie sich vorstellte, dass es wahrscheinlich kitzelte, wenn die Tropfen hinunterrinnen und durch einzelne Stoppeln aufgehalten das Gefühl unaushaltbar machen würden.

Er hob seinen Blick, als ein helles Licht sein Gesicht streifte. Es war tatsächlich die Sonne, die sich dem ewigen Kampf mit dem dichten Wolkenmeer einen Erfolg erkämpft hatte und wärmend sein Gesicht liebkoste. Es war nicht viel, nur ein kleiner Strahl, aber Grund genug nicht nur die umgebende, düstere Atmosphäre, sondern auch sein Gemüt aufzuhellen. Wie konnte es sein, dass das Wetter, dass sich wie ein fester Griff, die letzten drei Tage nicht hatte lösen wollen, nun, von einen auf den anderen Moment, langsam den Griff lockerte, um der Sonne zu erlauben, ihr scheinendes Antlitz zu präsentieren.

Sie lächelte. Das erste was ihm auffiel als sich ihre Blicke trafen. Es war nur ein zaghaftes, unsicheres Lächeln, der Effekt jedoch umso größer. Sie war  mehr als schön, besonders wenn sie lächelte. Er wünschte sich, sie würde nicht aufhören und nicht wegsehen, doch kaum hatten sein Gehirn diese Gedanken produziert, wandte sie sich auch schon ab und richtete ihre Augen geradeaus, als hätte sie plötzlich etwas Wichtiges entdeckt.

Sie konnte es nicht! Sie konnte seinem Blick nicht standhalten, wie gern sie es auch getan hätte! Die Unsicherheit zerrte an ihr, wie ein quengelndes Kind an dem Rockzipfel der Mutter und erinnerte sie an die Gedanken, die sie gefangenhielten und es ihr nicht erlaubten, auch nur einen Blick durch die Gitterstäbe zu werfen, die sie von der scheinbar unbeschwerten Außenwelt trennten. Sie spürte, wie ein aufkommender Windstoß auch den Schauer wieder intensivierte, dicke Tropfen plätscherten wieder monoton auf die Straße und hinterließen Löcher, als sie die Wasseroberfläche der Pfützen grob durchbrachen. Sie fröstelte und zog den Mantel enger an sich, um sich vor dem kalten Wind zu schützen, der ihr durch die Kleidung fuhr und ihr langes Haar ungebeten tanzen ließ.

Was war denn mit dem Wetter los?,f ragte er sich.Wie verhext verschwand die Sonne, verlor den Kampf gegen die dichten Wolken, die sie lautlos umhüllten und ihr Licht von dem Rest der Welt abschirmten. Die wärmende Kraft, weggefegt vom brausenden Wind, der durch die Bäume tobte und den Regen nun auch bis unter das schützende Dach der Haltestelle trieb. Verärgert trat er einen Schritt zurück, hoffend, dass die Nässe ihn in der hinteren Ecke verschonen würde, auch wenn er sie so offensichtlich verfluchte. Der einzige Vorteil war, dass sie ihm näher kam. Ebenfalls schutzsuchend, trat sie ein paar Schritte zurück und lehnte an der Wand, sodass sie nur noch wenige Zentimeter trennten. Er konnte förmlich den Duft ihrer frisch gewaschenen Haare riechen, welchen ihm der Wind verlockend unter die Nase trieb. Er atmete tief ein um nichts von dem wohltuenden Duft zu verlieren, zu kostbar schien er ihm in diesem Augenblick um auch nur eine Prise verfliegen zu lassen, sodass sich vielleicht jemand anderes an ihm erfreute.

Sie wusste, in wenigen Minuten würde der Bus kommen. In wenigen Minuten, würde sie aus dieser Situation hinausgerissen werden, aus einer Situation, die sie langsam anfing zu genießen. Sie spürte seine Blicke auf ihr, wenn er meinte, sie würde wegsehen. Seine Gedanken, die sich fragten, wie lange sie noch schweigend nebeneinander stehen würden um dem Regen zu lauschen, der die beiden mit seiner beruhigenden Melodie von der Außenwelt abschirmte, in der Minuten noch wie Minuten vergingen und nicht wie Stunden. Würde er etwas sagen? Würde er die Stille, die beide umhüllte wie ein weiches, wohliges Tuch, durchbrechen, aus Angst, diese Situation nie wieder und somit sie nicht wiedersehen zu können? Sie hoffte, er würde es nicht tuen! Keine Worte, wie schön sie auch umkleidet waren von Gefühlen und Gedanken, konnten diesem Moment standhalten und ihm das Wasser reichen. Jede Äußerung würde diesen Moment zerstören, die mystische Atmosphäre zerspringen lassen, wie ein Glas, das unachtsam auf den Boden fallen gelassen wird. Kein Wort könnte sie in diesem Moment überzeugen, dafür war es noch zu früh!

Er wusste nicht, was er sagen sollte! Er war nicht schüchtern, aber dieser Moment raubte ihm seine Gedanken, seinen Mut, seinen Luftstrom; um die Worte zu artikulieren, die ihm auf der Zunge lagen und einen bitteren Geschmack hinterließen, fast so, als würden sie ihm mitteilen wollen, sie im Inneren zu behalten. Als würde er die Situation mit einer oberflächlichen Äußerung über das Wetter, so wie die meisten Leute ein Gespräch begannen, nur zerstören. Ein bekanntes Geräusch löste ihn aus seinen Gedanken und nahm ihm die Entscheidung, als er feststellte, dass der Bus mit quietschenden Reifen hielt und die vordere Tür öffnete. Nicht sein Bus!

Als die Türen schlossen, drehte sie sich nochmal um, ein letzter Blick, bevor er langsam mit ihr davonrollte und die Figur, die noch unter dem Dach der Haltestelle stand, langsam verschwamm und nicht mehr zu erkennen war. Würden sie sich wiedersehen? Vielleicht schon morgen? Vielleicht in ein paar Wochen? Es spielte keine Rolle wann, denn sie spürte, es würde ein Wiedersehen geben und bis dahin würde sie sich weiter und weiter von ihren Ketten befreien, die sie umschlossen hatten und die er in läppischen zwanzig Minuten gelockert hatte. Zumindest so weit, dass sie ihre Arme bewegen konnte um sich eigenständig, Stück für Stück aus der eisigen Umarmung zu befreien. Und wenn sie sich das nächste Mal sehen würden, würde die Sonne scheinen, da war sie sich sicher!

Wortverliebt 31. Juli 2011

A Valediction: Farewell Darling

Die weißen Lilien ließen schon langsam ihre Köpfe hängen. Ihre großen, graziösen Blüten wurden langsam durch die Gravitation nach unten gezogen, sodass es fast so aussah, als würden sie den Anlass ihrer Ausstellung verstehen und sich respektvoll vor den Angehörigen verneigen, um ihnen ihr Beileid auszusprechen. Eigentlich mochte sie Lilien. Ihren Anmut, ihre Perfektion mit der jedes Detail ihrer gewaltigen Blüte ausgearbeitet war. Die Selbstverständlichkeit mit der sie ihre Schönheit zur Schau stellten, fast schon arrogant und überheblich. Die Feinheit und Detailtreue mit der jedes einzelne Blütenblatt mit Tausenden von schwarzen Punkten überzogen war, so als hätte der liebe Gott mit einem sehr feine Pinsel mühevoll jeden einzelnen aufgetragen. Doch ihre Schönheit, ihr Anmut und ihre Grazie waren vergänglich. Schon jetzt ließen sie langsam ihre gewaltigen Köpfe hängen, signalisierten, dass mit ihrem Dasein zu Ende ging. Schon morgen würden sie in den Abfalltonnen hinter der Kirche liegen, wo niemand sie auch nur noch eines Blickes würdigen würde. So war das Leben, nichts bleibt wie es ist, kam es ihr in den Sinn, bevor sie durch die Stimme des Pfarrers aus ihren Gedanken gerissen wurde.

Keuchend blieb er stehen. Er konnte sich nicht erinnern wie lange er gelaufen war. Sein T-shirt war durchnässt und verschwitzt. Der Regen hatte ihn nicht gestört. Er war eher eine willkommene Abkühlung, der ihn auf seinem Weg begleitet hatte und hoffnungslos versuchte die hitzigen Gedanken abzukühlen. Wo war er? Er musste weit gelaufen sein, denn diese Straße erkannte er nicht wieder. Automatisiert, ohne nachzudenken, einen Schritt vor den anderen. Nicht stehen bleiben bis die Erschöpfung ihn schließlich eingeholt hatte und der Schmerz das Rennen gewann. Tränen strömten seine Wangen hinunter, vermischten sich mit den Regentropfen die auf sein Gesicht prasselten und in langen Linien sein Kinn herunterliefen. Sein Leben war in dieser Wohnung gewesen. Sie war sein Leben. Gewesen. Wie konnte er jemals dorthin zurückkehren wo er noch vor einer Stunde gelebt hatte, sich aber nun wie ein Fremder fühlte? Fremd in den eigenen vier Wänden, in denen zahlreiche Bilder die Wände zierten und ihr gemeinsames Leben wie ein Buch dokumentierten. Er dachte immer, dass das was sie hätten, wäre einzigartig; besonders. Sie wäre einzigartig, besonders. Jetzt musste er feststellen, dass er sie anscheinend nicht kannte. Ein Mensch mit dem er neun Jahre zusammengelebt, seine Ängste, Träume und Hoffnungen geteilt hatte, war innerhalb weniger Minuten eine Fremde geworden. Warum? Diese Frage stieg ihm unaufhaltsam in den Kopf, wieder und wieder, biss sich in sein Gehirn und verfolgte ihn wie ein Schatten als er sich langsam wieder in Bewegung setzte. Ziellos. Als wäre er auf der Suche nach einer Antwort.

Dreiundzwanzig Kilo! Ihr ganzes Leben wog dreiundzwanzig Kilo, beziehungsweise das, was davon übrig geblieben war. Ihr ganzes Leben passte in einen großen, schwarzen Koffer. Beim Anblick schüttelte sie unglaublich den Kopf und ließ mit einem Seufzer die Schnallen zufallen. Sie wollte alles zurücklassen. Ihre Wohnung, ihr Hab und Gut, ihr Leben. Am liebsten auch ihre Erinnerungen und die letzten paar Jahre, in denen sie lethargisch vor sich hin gelebt hatte. Eingefroren durch Emotionslosigkeit und ohne Zeitgefühl. Die Gedanken kreisten pausenlos um dieses eine Ereignis, welches ihr Leben veränderte, es tötete. Sie tötete. Sie wurde zum Roboter, der Dinge gedankenlos ausführte, weiter atmete und aß, aber nicht fühlte. Manchmal wünschte sie sich, sie hätte auch in diesem Auto gesessen. Hätte ihn begleitet, anstatt zu versprechen nachher ein Taxi nach Hause zu nehmen. Ein neues Leben. Ein neues Land. Ein neuer Anfang. So konnte es nicht weitergehen. Den graue Mantel, mit dem das Leben sie die letzten Jahre eingehüllt hatte, wollte sie hinter sich lassen. Den Kampf gegen das Leben in einem anderen Land wieder aufnehmen und diesen Kampf hier beenden. Versuchen zu akzeptieren, dass ihr Leben sich verändert hatte. Sie verändert hatte. Entschlossen nahm sie ihren Koffer von dem Rollbrett und ging langsam Richtung Ausgang. Der Sonne entgegen.

Leer. Nichts. Nicht einmal Reue fühlt er. Es tat gut seine Wut loszuwerden und die angestauten Aggressionen an der Person auszulassen, die für all das verantwortlich war. Langsam normalisierte sich sein Puls und die Atmung wurde ruhiger. Adrenalin, welches Minuten zuvor noch durch seinen Körper jagte und ihn beflügelte, zog sich langsam zurück und ließ ihn alleine mit seinen Gedanken, die es zuvor geschickt erstickt hatte. Der Nebel in seinem Kopf lichtete sich, sein Blick wurde langsam schärfer und nahm das Bild, welches sich im bot, wie eine Kamera blitzartig auf. Wie konnte er zu so etwas fähig sein? Zitternd sank er auf die Knie, die unter seinem Gewicht wie Butter zusammensackte, als könnten sie die Schuldgefühle, das Entsetzen, welches sich in ihm ausbreitete nicht mehr tragen und mussten dem Gewicht nachgeben. Die Bilder, die er im Augenblick des Geschehens nicht wahrgenommen hatte, breiteten sich nun in seinem inneren Auge aus, klar und deutlich wie sein Spiegelbild und brannten sich auf seine Netzhaut. Nie wieder würde er das vergessen! Sie blickte ihn an, mit weit aufgerissenen Augen, ohne ein Wort zu sagen. Entsetzen und Angst, vermischt in einen Blick war das letzte was er von ihr wahrnahm, bevor er eine Entscheidung traf mit der ihre Wohnung, ihr Leben, endgültig auslöschte.

Hätte er gewusst, dass dieser Tag sein letzter sein sollte, hätte er einiges anders gemacht. Es war ein Tag wie jeder andere auch. Ein Tag voller Hektik, Stress und Eile. Hätte er es gewusst, hätte er sich Zeit für ein gemeinsames Frühstück genommen, anstatt früher als gewohnt ins Büro zu fahren um das anstehende Meeting vorzubereiten. Er hätte ihr die Zeitung vorgelesen, bis sie beide hitzig über ein Thema diskutiert hätten, über das sie verschiedene Meinungen gehabt hätten. Sie hätte dabei wild mit den Händen in der Luft gestikuliert, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen, was ihn zum Lachen brächte und sie, nachdem sie  verärgert die Mundwinkel nach unten zog, laut mit einstimmte. Das wäre ein perfekter Morgen gewesen. Er hätte nicht versucht etwas zu ändern, denn das Schicksal konnte man nicht austricksen. Er hätte nur versucht das beste aus diesem Tag zu machen. Er hätte dem Taxifahrer mehr Trinkgeld gegeben, seine Mutter zurückgerufen, als er in Hektik den Rückruf auf den nächsten Tag verschob und er hätte ihr gesagt, dass er sie liebte. Mehr als einmal. Er hätte gesagt, dass alles was er wollte war sie glücklich zu sehen. Auch wenn er einmal nicht mehr da war. Daraufhin hätte sie gelacht und so etwas geantwortet wie „so schnell wirst du mich nicht los“, ohne auch nur zu ahnen, dass genau dies schneller eintreffen würde, als sie vermuten könnte. Das letzte an das er dachte, war ihr Gesicht, welches in lächelnd ansah, bevor das Auto sich überschlug und mit einem fürchterlichen Knall im Graben aufprallte.

Dies sollte das letzte Mal sein. Endgültig. Morgen würde sie es beenden und es würde alles wieder so werden wie früher. Sie würde wieder glücklich sein mit diesem Mann, mit dem sie seit neun Jahren die Wohnung teilte. Den sie liebte und mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte.  Doch irgendetwas störte sie. Musste sie stören, sonst hätte sie es nie so weit kommen lassen. Oder? Sie redete sich ein, dass sie diese Erfahrung brauchte. Die Aufmerksamkeit, die in der langen Beziehung manchmal auf der Strecke blieb, die Leidenschaft, den Nervenkitzel. Sie wollte ihn nicht verlassen. Nein, das wollte sie nicht. Was sie wollte war ein kurzes Abenteuer. Etwas, dass die Panik stillte, die sich in ihr ausbreitete seitdem er sie auf Knien bat, seine Frau zu werden. Sie hatte sich nichts sehnlicher gewünscht als diesen einen Moment. Fünf lange Jahre hatte sie darauf gewartet. Doch jetzt, wo dieser Moment greifbar war, serviert auf einem Silbertablett, überkamen sie Zweifel. Sie hatte einen unglaublichen Durst. Durst nach dem Leben. Nach Abenteuern, fremden Ländern und Kulturen. Nach der Freiheit. Einen Durst, den sie versuchte zu verdrängen, doch der sie vor einigen Wochen überkam und seitdem nur noch größer wurde. Sie musste damit aufhören, das wusste sie und sie würde es. Nicht heute. Aber morgen. Vielleicht.

Hätte sie gewusste, dass es das letzte Mal war, dass sie ihn sah, hätte sie einiges anders gemacht. Sie hätte ihm nicht vorgeworfen, dass er zu viel arbeitete als er schon früher nach Hause fuhr und sie mit ihren Freuden zurückließ. Sie hätte ihn nicht verärgert angesehen und seine entschuldigenden Worte abgewunken. Sie hätte zugehört, sich aufmuntern lassen und wäre der Einladung gefolgt, am nächsten Tag gemeinsam zu Mittag zu essen. Auch wenn sie in diesem Moment nicht wusste, dass es kein Morgen geben würde. Nicht für ihn. Sie hätte ihm einen letzten Kuss gegeben. Einen Kuss, an den sie sich ihr ganzes Leben zurückerinnern konnte. Ein Abschiedskuss. Für immer.

Er hatte nicht zurückkehren wollen. Nicht heute. Nicht morgen. Nie wieder! Doch nachdem er stundenlang durch die Stadt geirrt war, ohne zu wissen wohin es ihn trieb, war er schließlich vor dieser Tür gelandet. Sein Leben war in dieser Wohnung! Er musste zurückkehren, auch wenn er nicht wollte. Langsam und schwerfällig stieg er die Treppen hinauf und hoffte, als er den Schlüssel ins Schloss steckte, dass sie nicht da sein würde.

Es war Zeit ihn abzunehmen. Der kleine goldene Gegenstand war das letzte was sie an ihn erinnerte und was sie seit Jahren nicht abgenommen hatte. Er gehörte zu ihr wie ein Körperteil. Als wäre er angewachsen, vereinte er all ihre Erinnerungen an ihn und die gemeinsame Zeit. Doch ein neues Leben erforderte das alte zurückzulassen, mitsamt allen materiellen Gegenständen. Vorsichtig streifte sie den Ring von ihrem Finger und legte ihn in ihre Handfläche. In der Innenseite war etwas eingraviert, was sie lächeln ließ. Anstatt des Datums ihrer Hochzeit hatten sie einen Spruch gewählt, der nicht einem typischen Eheversprechen klang, den sie aber gerade deswegen wo sehr liebte. You rock my life, flüsterte sie leise. Und so wird es auch immer bleiben, dachte sie, als sie den Ring in ihrer Brusttasche verschwinden ließ und sich in den Flugzeugsitz zurücklehnte.

Er wusste es. Als sie hörte wie sich der Schlüssel im Schloss drehte, hatte sie ein mulmiges Gefühl. Er war später zurück als sonst, erwartet hatte sie ihn schon vor ein paar Stunden. Als sich ihre Blicke trafen, musste er nichts sagen. Zu gut kannte sie seinen Blick, konnte seine Gedanken lesen auch ohne Worte, als hätte sie ihn jahrelang studiert. Sie weinte nicht. Sie ging auf ihn zu, um ihm die Sache zu erklären. Doch gab es dafür eine Erklärung? Einen Menschen zu hintergehen, den man liebt? Alles was sie sagte, prallte an ihm ab als trüge er einen Panzer und seine Augen mieden die ihren, als wäre sie eine Aussätzige. Vielleicht war sie das. Sie fühlte sich schuldig und schmutzig, rechtfertigte und erklärte sich hitzig. Redete und redete, aus Angst vor der Stille. Doch er ging nicht auf sie ein und packte wortlos seine Tasche. Zu welchem Zeitpunkt die Situation eskalierte, wusste sie nicht mehr. Sie konnte sich nicht erinnern, was sie gesagt hatte, was seinen Blick veränderte. Zum ersten Mal sah er ihr direkt in die Augen. Sie las Wut und Hass, Enttäuschung und Schmerz. Wie hypnotisiert ging er auf sie zu, den Blick nicht von ihr gerichtet, als würde er sonst das Gleichgewicht verlieren. Langsam stieg Angst in ihr auf. Dieser Blick hatte etwas an sich, vor dem sie sich fürchtete, was sie die ganzen Jahre über noch nie gesehen hatte. Sie ging einen Schritt zurück, taumelte und ihre Wahrnehmung wurde blasser und blasser. Wie die Ringe auf der Wasseroberfläche eines Sees, in den ein Stein geworfen wurde.

Er saß in einer der hinteren Reihen, konnte das Geschehen jedoch gut erkennen. Das Bild, das sie ausgewählt hatten, hatte er geschossen. Beim gemeinsamen Urlaub vor vier Jahren. Sie lächelte so glücklich in die Kamera, dass er für einen Moment vergaß, dass er derjenige war der ihr das Lächeln nahm. Es war ein Unfall, teilte er der Polizei einige Wochen später mit, als er sich stellte. Er habe das alles nicht gewollt und nur aus Panik versucht die Spuren zu verwischen. Er sei vorher noch nie gewalttätig gegenüber ihr gewesen. Er habe sie geliebt. Die Handschellen erschwerten das Blättern im Gesangbuch, als der Pfarrer auf das nächste Lied verwies. Er hatte diesen Abend verdrängt. Seine Erinnerungen daran waren ausgelöscht. Ausgelöscht wie ihr Leben. Als hätte sein Gehirn es ebenso wenig wahrhaben wollen wie er und das Beweismittel vernichtet. Er würde seine Strafe bekommen. Doch die größte Strafe war das Leben ohne sie und die unglaublichen Schuldgefühle mit denen er fortan leben musste. Die Blumen, die neben ihrem Foto standen, schienen ihm unangebracht. Sie waren prächtig und weiß. Verkörperten Unschuld und Perfektion. Sie erinnerten ihn an das Paradies. Nichts, was jemals auf ihn warten würde.

Copyright bei Wortverliebt 13. Juli 2011